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Die existentiellen Gefäße von Maika Korfmacher

Von Antje Soléau, Köln

Sonnabend 30. April 2005

Ihre Ausstellung im Kunstkeller Klingelpütz in Köln hat Maika Korfmacher unter ein Wort von Auguste Renoir gestellt: “Die Werke der Kunst, die man als die vornehmsten Zeugnisse des menschlichen Geistes und menschlicher Lauterkeit betrachten muss, sagen zwar alles, was man über den Menschen und die Welt sagen kann, machen aber außerdem begreiflich, dass es noch etwas gibt, was man nicht erkennen kann.” Und dieser letzte Halbsatz ist es, der die Arbeiten der niederrheinischen Keramikerin im besonderen kennzeichnet. Ihre Gefäße und Objekte geben sich ganz im Sinne archaischer Kultgefäße nach außen hart und abweisend, lassen aber ahnen, dass sie in ihrem Inneren etwas Geheimnisvolles - vielleicht auch Schönes? - verbergen.

Maika Korfmacher kommt aus der Rau - Keramik her, die ihren Reiz im Unvollkommenen hat und ganz im Sinne des japanischen Zen - Buddhismus die weitgehend vom Zufall bestimmte und nie vollkommene Form zum Ziel künstlerischen Schaffens deklariert. Für ein großes Deckelgefäß mit überdurchschnittlich dicker Wandung, einer rauen, fast unfreundlichen Oberfläche und einem dünnen Blattgoldüberzug des Innenraumes erhielt sie 1989 den Nordrhein-Westfälischen Staatspreis für das Kunsthandwerk im Bereich Keramik. So wie dieses Deckelgefäß vom Gegensatz Innen - Außen beherrscht ist, so zieht sich dieser Gegensatz wie ein Yin und Yang durch das gesamte Werk von Maika Korfmacher.

Vom ursprünglichen Raku, das sie wie kaum eine andere Künstlerin in Deutschland zu Reife und Vollendung gebracht hat, hat sich Maika Korfmacher inzwischen zumindest teilweise gelöst. Neben den gedrehten Dosen, Schalen, Kummen und Stelen finden sich neuerdings zunehmend blockhafte Tonobjekte aus den unterschiedlichsten Tonmassen, die durch “Schlagen”, also durch Heben, Drehen, Fallenlassen entstanden sind. Dabei bestimmen die Fallhöhe, der Drehwinkel sowie die Beschaffenheit der Unterlage ganz wesentlich das Ergebnis: die Tone haben sich homogen miteinander verbunden und bilden eine an den Rändern gestufte rechteckige oder quadratische Fläche, die sich zur Mitte hin zu einer Rundform aufbäumt bzw. konzentriert. Damit findet auch hier wieder der Dialog zwischen Innen und Aussen statt, wenn auch in gänzlich neuer Form. Diese Tonblöcke nun sind nicht mehr im vibrierenden Rakubrand gegart, sondern im neutralen Elektro-Ofen. Sie leben auch nicht mehr von einer noch so reduzierten Zweifarbigkeit, sondern nur noch vom Spiel des Lichtes auf ihren schwarzen Oberflächen. Auf ihnen stehen sich Licht und Schatten im Zwiegespräch gegenüber. Im Gegensatz dazu zeigen die aufgebauten Kästen in ihren stark verkleinerten, das heißt beschränkten Innenräumen wieder Blattgold- oder Blattsilberauflagen. Ein größerer Kontrast zur schrundig schwarzen Oberfläche ist kaum denkbar. Die wenig handfreundlichen Oberflächen der Stelen sind bewusst in rhythmischen Abständen aufgerissen und die so entstandenen “Wunden” wiederum mit feinstem Blattgold ausgelegt worden. Erinnern die großen Deckelgefäße und Schalen, aber auch die Kästen an magische Kultobjekte, so die Stelen an die Darstellung mittelalterlicher Geißelsäulen. Auch hier also ein Gegensatzpaar im Werk von Maika Korfmacher: Der in sich ruhenden klaren Form steht der Schmerz des Aufreißens, desVerletzens gegenüber.

Vor einiger Zeit hat Maika Korfmacher ihre Auffassung von der Keramik wie folgt beschrieben: “Ein Klotz Ton auf der Scheibe, die Bewegung verfolgen, und diese Bewegung und das Massive festhalten. Das Material und die technischen Möglichkeiten verleiten dazu, dekorativ zu werden, wunderschöne Oberflächen zu gestalten. Mich interessiert es, die Form davon abhängig zu machen, was sie für eine Oberfläche hat und umgekehrt. Sobald man Gefäße macht, ist das der springende Punkt.”

Maika Korfmacher macht Gefäße, wenn auch absolut a-funktionelle. Sie begreift ihr Schaffen nicht als das Herstellen von beliebig geplanten Formen, sie verhilft vielmehr ihrem Material, der Erde, seine Form zu finden. Damit steht sie voll in der japanischen Tradition, nach der nicht der Töpfer Form und Charakter einer Keramik bestimmt, sondern der Ton, die Erde, dem Material, aus dem wir alle geformt sind.

Maika Korfmacher verblüfft immer wieder durch die konsequente Reduzierung von Form und Farbe. Ihre Werke - gleichgültig aus welcher Schaffensperiode- laden stets zur Kontemplation ein und wecken im Betrachter Bilder und Assoziationen, deren er sich vorher nicht bewusst war. Ihre “Gefäße” sind nicht dazu bestimmt, irgend etwas aufzunehmen, sie sind bereits gefüllt- mit der Leere. Daraus beziehen sie ihre Existenzberechtigung, sie verweisen uns auf die Grundlage unserer Existenz. Sie sind existenzielle Gefäße.

Artikel in: Neue Keramik, 1999, S.730 f

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