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Eigenhändiges Besinnen

Von Thomas Kumlehn, Potsdam

Sonnabend 30. April 2005

Ich besuchte Maika Korfmacher 1995 zum ersten Mal in Neukirchen-Vluyn. Es war ein regnerischer Abend im August mit einem abnehmenden Mond. Schwül, warm und dunkel. “Moon, moon, / when you leave me alone / all the darkness is / an utter blackness...” (1) Jene Zeilen aus einem Gedicht von Robert Creeley kamen mir einen Moment lang in den Sinn. Sie beschreiben die Stimmung, in der ich mich befand. Das Grundstück war schwer zu finden. Abseits und doch dicht an der Stadtgrenze gelegen, bildete es deutlich eine Enklave. Gemeinsam mit den anschließenden Feldern und den verbliebenen Gehöften bezeugte es die agrarische Geschichte dieses Landstrichs. Diese Welt war ein Dorf und ist es an die Peripherie verdrängt geblieben. Gesucht, gefunden: Vinnmannsweg. Die Engelstrompeten neben der Eingangstür begrüßten mich schließlich an jenem ersten Abend doch noch. In stattlicher Anzahl und Gestalt. Ihr Domizil dient Maika Korfmacher gleichzeitig als Wohn- und Arbeitsstätte. Es birgt die notwendigen Voraussetzungen, die ihr das Leben und Arbeiten ermöglichen. In aller gebotenen Stille.

Vor mir steht ein Gefäß. Die sophistische Debatte, ob ein keramisches Werk Handwerk oder Kunst sei, beruht m.E. auf dem rhetorischen Geltungsdruck zweier Fraktionen, die sich der konkreten Wahrnehmung von jeher verweigern. Dazu gehören diejenigen, die die Töpferarbeit profan auf eine Dienstleistung reduzieren. Mit dieser Ansicht wird die halbe Wahrheit verbreitet. Als ob sie dem funktionalen Bedarf als Ware geschuldet zu bleiben hätte. Die dazugehörige zweite Hälfte findet man in der gleichfalls ideologischen Argumentation derjenigen die behaupten, dass eine Keramik erst dann die Gefilde der Kunst erreichen könne, wenn sich die Form dem Gebrauch entsagt. Ein Gefäß von Maika Korfmacher ist ein Behältnis. Es besitzt eine angelegte Transzendenz des ursprünglichen Sinns, dem das Töpfern in der überlieferten Vergangenheit beigemessen wurde. Es dient durchaus der Aufbewahrung. Betrachtet man den einzelnen Gegenstand, erschließt sich die ebene Form. Von geometrischer Gestalt, hat er nichts kaltes, abweisendes an sich. Seine Präsenz ist die der selbstverständlichen Anwesenheit. Er harrt aus. Er teilt nichts mit. Er macht sichtbar, was gesehen werden will. Das Irritierende an ihm ist die Aufhebung der autoritären Strenge zugunsten der greifbaren Klassizität. Man gewahrt die eigene Scheu vor der benutzenden Aneignung. Die Leere des Innern bietet keinen Platz für den praktischen Gebrauch. Der Innenraum ist mit einem Nachlass gefüllt. Dieser Nachlass ist mit dem Gedächtnis einens morphischen Feldes vergleichbar. Er bildet die Spur, die bis zur Entstehungsgeschichte des Gegenstandes zurückreicht, an der man nicht teilhatte, die man aber spüren kann. Allein die Gefäße gestatten tatsächlich einen Blick hinein. Ummantelt von einer rau - samtenen Oberfläche in schattiger, dunkler Tönung sind sie im Innern gewandet mit einer überraschend matten Glasur, in der ein verhaltenes Licht aufscheint.

Das angewendete Brennverfahren zeichnet sich durch einen langwierigen und beziehungsreichen Dialog zwischen der Töpferin und dem Material aus. Gern wird in diesem Zusammenhang auf dessen asiatische Herkunft und zeremonielle Bedeutung verwiesen. Das Wissen darum ist bei Maika Korfmacher nicht mit dem Wunsch verbunden, ein fremdes Lebensgefühl zu importieren. Das wäre kalter Tee. Raku setzt den Willen zur kultivierten Einfühlung in den Prozess voraus. Er fordert die unbedingte Anteilnahme und das Aushalten der intensiven Zwiesprache zwischen den verwendeten Materialien und den wechselnden Temperaturen. Raku bedeutet “Dabei-Sein”. Das aufmerksame Einhalten von Arbeitsschritten schließt Routine aus. Die Elemente Feuer und Luft lassen sich zwar für einen Moment bändigen. Der lässt sich jedoch nicht berechnen. Während der unzähligen Raku-Brände hat Maika Korfmacher ihre künstlerische Sozialisierung erfahren. Den gestalterischen Weg kann man ihren Arbeiten entnehmen. Die geduldige Schrittfolge für die Arbeit, die ausdauernde Suche nach der schlichten Form und die der Form angemessene Farbgebung. Ihre Keramiken bewahren immer stärker den authentischen Ausdruck des beschriebenen Prozesses; die Ausdrucksbewegungen einer weichen, schweren, handgreiflichen und wider- borstigen Zwiesprache.

1 Anmerkungen: Das Zitat stammt aus dem Poem “A Form of Women”. In: Robert Creeley, Echos, Fischer, Frankfurt/Main, S.30

Katalogtext in: Feuerwerke, Düsseldorf / Frauenkulturbüro NRW 1999, S.52 ff

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